Karben.
Können wir noch Demokratie? Unter diesem Motto stand das erste „Friedliche Streitgespräch“. Moderiert von Jörg Wulff und Peter Mayer, diskutierten die Teilnehmer über den Zustand der Demokratie, den gesellschaftlichen Umgang miteinander und die Herausforderungen einer zunehmend komplexen Welt.
Die Initiative „Wir vereint für Frieden und Freiheit“ setzt sich seit 2014 für Frieden ein. Mit dem neuen Format möchte sie eine Plattform für den Austausch unterschiedlicher Meinungen schaffen. Einmal pro Quartal sollen die Streitgespräche wechselnd in den sieben Karbener Stadtteilen stattfinden.
Menschen hörten einander zu wenig zu
„Wir wollen die Redekultur aufleben lassen, die früher am Stamm- und Cafétisch stattgefunden hat“, erklärte Mayer. Die Demokratie gerate ins Wanken.
In der Diskussion wurde bemängelt, dass Menschen einander immer weniger zuhörten und der Ton aggressiver werde. Kurznachrichtendienste wie WhatsApp könnten dazu beitragen, dass Gespräche oberflächlicher blieben. Auch Höflichkeit und gegenseitiger Respekt schienen zunehmend verloren zu gehen.
Ein weiteres Thema war das schwindende Vertrauen in die Medien, insbesondere seit der Corona-Pandemie. Teilnehmende kritisierten eine selektive Berichterstattung durch Printmedien und öffentlich-rechtliche Sender. Eine Teilnehmerin stellte fest: „Viele Leute haben so ein gefestigtes Weltbild und sind so überzeugt von dem, was sie sagen, dass Argumente nicht helfen.“ Auch die Frage, wie sinnvoll Diskussionen mit Menschen seien, die rechtes Gedankengut verträten, wurde angesprochen.
Ein 1945 geborener Teilnehmer berichtete, Demokratie erst gelernt haben zu müssen, da sie im Elternhaus keine prägende Rolle gespielt habe. Früher sei die Welt übersichtlicher und geordneter gewesen. Der Fall des Eisernen Vorhangs und wirtschaftliche Umbrüche hätten Veränderungen mit sich gebracht. Heute sei die Welt unruhiger, komplexer und geprägt von internationalen Abhängigkeiten, wie von wichtigen Seewegen. Westliche Staaten verlören an Dynamik, China und Indien gewännen an Bedeutung.
Kontrovers diskutiert wurde über den Volkswillen, die Rolle der Parteien und die Grenzen demokratischer Mehrheitsentscheidungen. Kritisiert wurde, dass Parteien zu stark in ihren ideologischen Positionen verhaftet seien und das Wohl der Bevölkerung so zu kurz komme. Eine Teilnehmerin widersprach der Vorstellung einer „demokratischen Willkür“. Demokratie bedeute zwar, dass Mehrheiten Entscheidungen träfen, diese müssten aber rechtsstaatlichen Grundsätzen entsprechen.
Auch das Verhältnis zwischen Politik, Wirtschaft und Bevölkerung sorgte für Diskussionen. Politiker seien der Wirtschaft näher als den Bürgern, lautete ein Vorwurf. Von der Bevölkerung werde immer wieder verlangt, Einschränkungen hinzunehmen. Zudem wurde gefragt, wie Minderheiten besser geschützt und Bürger stärker an politischen Entscheidungen beteiligt werden könnten. Mehr Akzeptanz für sinnvolle Vorschläge politischer Gegner sei wünschenswert.
Einigkeit bestand darin, dass Demokratie in Familien und Vereinen beginnt. Die Möglichkeit Widerspruch zu äußern, wurde als wesentliches Merkmal der Demokratie hervorgehoben.
Mit Sorge betrachtet wurde der wachsende Einfluss digitaler Medien und künstlicher Intelligenz (KI). Die Forderung nach einer stärkeren Regulierung von KI wurde laut.
Eine finale Antwort auf die Frage „Können wir noch Demokratie?“ fanden die Teilnehmer nicht. Im kleinen Kreis wurden jedoch unterschiedliche Meinungen und Ängste ausgetauscht. Genau darin liegt das Ziel des neuen Formats, Menschen wieder miteinander in das Gespräch zu bringen und eine respektvolle, demokratische Debattenkultur zu fördern.

